Jeremy Seewer: Was für eine Scheiß-Strecke

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In den letzten Monaten war Jeremy Seewer der zweitbeste Pilot der MXGP-Klasse, aber davon lässt er sich kaum beeindrucken. Er steht kurz vor dem Gewinn der Vize-Weltmeisterschaft und in Italien hat er in diese Richtung einen weiteren Schritt gemacht. Um ein Haar verpasste er seinen ersten GP-Sieg.

MX Vice: Wieder ein gutes Wochenende – und deine Fortschritte gehen weiter.

Jeremy Seewer: Ja, sicher, das beste Gesamtergebnis bisher. Perfekt. Mit den Plätzen zwei und drei in den Läufen ist mir ein weiterer Schritt gelungen und am Ende wurde das Tagesrang zwei. Tolles Gefühl! Im ersten Lauf konnte ich den Sieg riechen – Glenn Coldenhoff war vor mir und Tim Gajser wurde Fünfter, um den Titel klar zu machen. Da habe ich eine kleine Chance auf den GP-Sieg gesehen, denn ich wusste, dass ich Glenn vielleicht schlagen kann. Er war in beiden Rennen stark. Im zweiten war ich am Start direkt hinter ihm. Er war einfach schneller als wir. Ich wurde am Ende Zweiter und das ist mehr als solide auf so einer schei*-Strecke.

(Ray Archer)

War der zweite Lauf frustrierend? Du warst Zweiter, konntest aber die Attacke nicht reiten…

Ja, ein bisschen. Ich habe Glenn gesehen und wollte ihm folgen. Im ersten Lauf war ich nicht so nah dran. Ich musste erst ein paar überholen, aber im zweiten Lauf war ich direkt hinter ihm. Aber nach ein paar Runden war er weg, eine halbe Sekunde pro Runde schneller. Ich habe dann das ganze Rennen mit Tim gekämpft, das hat auch Spaß gemacht – aber der GP-Sieg war weg. Trotzdem freue ich mich über diesen zweiten Tagesrang.

Im ersten Rennen musstest du eine Aufholjagd starten – hast aber alle schnell überholt und niedergerungen. Zehn Minuten vor Schluss warst du eine Sekunde pro Runde schneller als Glenn – aber nur zwei Runden lang. Hast du dann gemerkt, dass sich das nicht ausgeht?

Ja. Ich habe gemerkt, dass ich aufholen konnte, wurde dann aber auch müde, denn er hat ja auch Druck gemacht. Vielleicht hätte ich auch noch mehr pushen können, aber auf so eine Strecke sind zwei Rennen sehr lang. Wenn du da im ersten Lauf schon All-In gehst, kannst du dich nicht erholen. Solche engen Strecken, wo du zehn Mal pro Runde in engen Kurven fast stehen bleibst, und dann ohne wind – das ist nicht einfach. Ich hatte gemerkt, dass er zu weit weg war, aber auf der letzten Runde war er wieder direkt vor mir. Auch ihm ist es dann schwer gefallen – wie heute wohl allen.

(Ray Archer)

Dein erster GP-Sieg rückt näher. Du bist nahe dran. Willst du das vor Saisonende noch schaffen, damit du im Winter weißt: Ich kann das!?

Natürlich wäre das gut, aber man darf nie vergessen, wo man her kommt. Dieses Jahr waren die Top-Fünf mein Ziel. Aber wir haben auch drei Top-Jungs verletzt und fünf minus drei sind zwei. Das ist meine Wertigkeit, rein mathematisch. Das ist die Theorie. In echt, sieht es anders aus. Heute war ich wirklich nahe dran am Gesamtsieg, aber wir haben noch drei Rennen übrig.

Ich werde weiter Kämpfen. Ich habe mich im Kopf umgestellt. Aus dem Ziel der Top-Fünf ist das Podest geworden. Da bin ich dran, aber ich bin keineswegs frustriert, weil meine Saison am Ende viel besser geworden ist, als ich das erwartet hatte.

(Ray Archer)

Es kommen gute Strecken für dich… Uddevalla, Türkei…

Besonders Uddevalls, dort habe ich schon einen GP gewonnen in der MX2. Mir gefällt es dort und die Fans sind klasse.

Türkei werden wir sehen. Letztes Jahr war gut, darum denke ich, dass es mir auch wieder zusammenlaufen kann, auch wenn das nicht meine Lieblingsstrecke ist. China wird dann für uns alle neu sein.

Die Strecke hier, 1-10, wie würdest du sie bewerten?

Dreieinhalb. Nein, das ist zu viel. Für die Gegebenheiten hier haben sie alles gemacht, da geht nicht mehr. Es ist bei allen auf Asphalt aufgeschütteten Strecken in erster Linie richtig gefährlich – nur der kleinste Fehler und du liegst auf Asphalt. Auch kommt hier kein Rhythmus zustande.

(Ray Archer)

Hier war es gar schlimmer als Indonesien. Dort war es zwar wärmer, aber mit dem ganzen Beton ringsum wärmt sich alles auf. Die Strecken sind zu eng. Hier kommt alles zusammen, was keinen Spaß macht. Das ist eher wie Enduro. Aber am Ende ist es für alle gleich und wir können es nicht ändern.

War die Strecke dieses Jahr besser, als letztes?

Sie haben es versucht, manche Abschnitte waren besser, manche schlechter, insgesamt ziemlich ähnlich. Die Zeiten waren um die drei Sekunden langsamer. Wie gesagt: Mehr kann man hier nicht raus holen. Warum fahren wir nicht woanders? Es gibt so viele tolle Strecken in Italien.

Dein Vertrag wurde nun verlängert. Du fährst nächstes Jahr im Werksteam, aber bei Wilvo, bekommst aber deine Rinalid-Crew mit…

Das war der Knackpunkt, um bei Yamaha zu bleiben. Sie glauben an mich und stehen hinter mir. Ich kann hier ein bisschen die Führungsposition übernehmen. In allen anderen Teams ist diese Position schon vergeben. Am wichtigsten war mir, dass meine Rinaldi-Crew im Hintergrund weiter dabei bleibt, weil das so gut funktioniert – das beste Team, was ich jemals hatte bisher.

(Ray Archer)

Die wissen immer genau, was zu tun ist. Es gibt nur wenige wie Michele Rinaldi. Slvain Geboers war ähnlich. Vielleicht noch Claudio De Carli – das war’s dann. Michele Rinaldi hinter mir zu haben war mir das Wichtigste.

Im Internet waren viele Gerüchte und Fotomontagen aufgetaucht: Du in Rot, bei der HRC – und alles war definitiv…

Ja, darüber kann ich nur lachen, aber ich kenne ja die wahre Geschichte. Klar hatten die Interesse. Ich hatte auch offene Ohren und habe mir das angehört – aber am Ende sind wir nicht mal annähernd in die Richtung eines Deals gekommen. Schon allein, weil sie Tim haben. Er ist heute Weltmeister geworden, logischerweise steht das ganze Team hinter Tim. Er sitzt seit fünf Jahren auf der Honda. Das ist nicht böse gemeint, aber wenn ich dort hin gegangen wäre, wäre ich klar die Nummer zwei gewesen.

(Ray Archer)

Ich wäre derjenige gewesen, für den sie eigentlich kein Geld ausgeben wollen. Vielleicht der, der gute Ergebnisse holen soll, aber nicht gewinnen. Das ist vielleicht nicht nett. Das ist schon die falsche Mentalität, wenn du gewinnen willst, denn du brauchst die Crew um dich herum, die daran glaubt, dass du gewinnen kannst und die will, dass du gewinnst. Das drückt auf die ganze Stimmung. Das war für mich schon der banale Grund, warum wir nie über Zahlen oder Papier gesprochen haben.

Text: Lewis Phillips | Fotos: Ray Archer | Übersetzung: Toni Börner

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